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Hangflug an der Egge

Ein Beitrag von unserem Vereinsmitglied Sven Bensiek

Normalerweise schaue ich um diese Jahreszeit fast täglich die Windprognosen an. Das Internet bietet hier inzwischen eine ungeheure Menge von zum Teil hervorragenden Informationsquellen. Wie es nun mal so ist, hatte ich die letzten Tage nicht mehr geschaut, da die Wochenprognosen keine außergewöhnlichen Windstärken voraussagten. Freitag Nacht wollte ich dann die Prognosen für die kommende Woche abfragen. Dabei stellt ich fest das sich wider Erwarten für den Samstag ein starker Ostwind mit 4-5 Beaufort ankündigte. Die, von denen ich meinte, das ich sie noch um 00Uhr aus dem Bett klingeln könnte, rief ich an. Alle anderen Hangflug-Interessenten schrieb ich noch per Mail an, in der Hoffnung, das sie ihre Mails morgen früh abrufen würden.

Am nächsten Morgen traf ich dann gegen 10.30Uhr am Flugplatz ein. Der Wind wehte schon stramm aus Osten. Ebenfalls am Flugplatz war bereits Ingo Zoyke. Nach kurzer Rücksprache wurden die Hallentore aufgeschoben. Im letzten Jahr konnten wir bereits mit der ASH25 einen Hangflug machen. Also wollten wir es diesmal mit den LS4 probieren. Zum Glück hatten wir auch schnell einen F-Schlepper gefunden. Eugen Schaal erklärte sich sofort bereit uns mit der Morane an den Himmel zu ziehen. Schnell die Elsen fertig gemacht und zum Start gefahren...

Am F-Schleppstart angekommen, spürten wir Wind und Kälte, welche zuvor von den Hallen abgefangen wurden. Also dicke Schuhe und warmer Pulli und Jacke an.

Um 11.50Uhr ging dann Ingo als erster im F-Schlepp heraus. In Anbetracht, dass der Wind schon den ganzen Morgen wehte, eigentlich ärgerlich, dass wir erst so spät starteten. Es wären bestimmt noch mehr Kilometer am Hang drin gewesen. Ingo klinkte dann über Altenbeken in 800m aus und glitt weiter zum Egge-Kamm. Dort angekommen und 200m tiefer zeigte der Hang durch zunehmende Vario-Ausschläge und Turbulenzen, das er wohl tragen würde. Inzwischen war auch Eugen mit der Schlepp-Maschine wieder am Platz, so dass ich gleich hinterher starten konnte. Ebenfalls über Altenbeken ausgeklinkt glitt ich zu Ingo und wir vereinbarten, den Hang erstmal in enger Formation abzufliegen.

Von Bad Driburg ging es dann am Hang zum Velmerstot rauf.

Wenn man etwas höher am Hang fliegt, fällt einem die Sichel-Form dieses Eggestücks sofort ins Auge. Wir erkennen ziemlich schnell das es in diesem Bereich ziemlich gut steigt. Wir fliegen bereits mit 160km/h in 500m Höhe und haben dabei teilweise noch immer Steigen. Am Velmerstot angekommen beschließen wir, dass wir versuchen wollen wie damals mit der ASH25 bis zum südlichen Ende der Egge zu kommen... Also auf nach Willebadessen. Wir wenden am Velmerstot und sehen am Horizont den Fernsehturm von Willebadessen als kleines Türmchen auf dem Kamm stehen. "Mein Gott, bis da unten hin noch."

"Knappe 40km und das in einer Höhe wo man auf einem thermischen Überlandflug schon seine Landeeinteilung zur Außenlandung macht" denkt jeder von uns.

Wir machen uns auf den Weg, auf dem wir auch gekommen sind. Der sichelfömige Teil der Egge läuft prima. Kurz vor Driburg beginnt allerdings der erste heikle Teil unseres Unterfangens. Der Hang wird hier flacher. Teilweise kommen wir in Fallen von bis zu 2,5m/s integriert. Unsere eh schon nicht vorhandene Höhenreserve schmilzt dahin. Zweifel macht sich breit, das es mit der LS4 zu versuchen doch vielleicht nicht so gut war. Die Außenlandefelder sind sehr rar. Auslanden ist eh bei dem böigen und durch den Hang verursachten turbulenten Wind alles andere als angenehm. Durch ein paar Schlenker gelingt es uns dann doch. Wir kommen in gut 100m ü.G. über Driburg an. Die Hänge sind hier wieder steiler, allerdings dafür ziemlich zerklüftet. Wir steigen kurze Abschnitte gut und fallen kurze Abschnitte gut. Die Zerklüftungen wirken teilweise als Düsen, in denen der Wind nach oben schießt und uns steigen läßt. Wir brauchen Höhe für den heikelsten Teil im Hang. Gut 4km südlich von Driburg verspringt der Hang fast 3 Kilometer nach Westen und bildet dabei ein großes Plateau, das kurz vor Beginn des neuen Hangs wieder stark abfällt. Kurz und knap:es kann Dich nach unten spülen wie in ner Kloschüssel und das im ungünstigsten Fall über eine Länge von 3km. Wir versuchen also erneut durch Abfliegen der Hangkontur und Schlenker Höhe zu machen. Bei 250m über Grund versuchen wir den Sprung zum anderen Hang. Die Pumpe schlägt merklich schneller....schaffen wir es oder nicht....wo kannst du landen.....schaffst du es oder....was sagt das Vario....das Dumme bei der Sache:"Man weiß einfach nicht was gleich kommt - Steigen oder Fallen". Leider sind die Auf- und Abwinde nicht farblich markiert.

Die ersten 2km sind überraschenderweise ohne großen Höhenverlust zurück gelegt. Wir fliegen nun das stark abfallende Gelände an und dort gerade angekommen, beginnt schon das dicke Fallen. Ich verliere ruckzuck an Höhe. Durch Fahrtaufnahme versuchen wir das Fallgebiet schneller zu durchfliegen. Flugzeug auf den Kopfstellen geht nicht, schließlich ist ja der Boden nicht weit weg. Wir kommen dann doch etwas angespannter aber sicher auf Kamm-Höhe an dem westlich versetzten Hang an. Von hier ist es nun kein Problem mehr nach Willebadessen. Der Hang wird von Meter zu Meter, die wir nach Süden fliegen, steiler und höher. Das Steigen nimmt zu und wir können die Fahrt erhöhen. Wir ziehen am TV-Turm auf Antennenhöhe vorbei. Es kommt noch einmal ein etwas größerer Bergeinschnitt. Das Steigen schlägt zwar in Fallen um, stellt aber aufgrund der vorher gewonnenen Höhe kein Problem dar.

Wir fliegen unter Kammhöhe weiter nach Süden bis zum Ende des letzten Hangs bis kurz vor Scherfede.... geschafft... das südlichste Ende der Egge ist erreicht, wir sehen keine Chance weiter nach Süden zu kommen. Also kehrt und wieder nach Norden - wir wollen schließlich auch Kilometer für den OLC sammeln.

Frei nach dem Motto "ein bißchen Wettkampf muß sein", liefern wir uns ein Rennen mit einem ICE, das wir nach ein paar Kilometern leider abbrechen müssen, obwohl wir uns einen Vorsprung erkämpft hatten. Wir müssen ja wieder Höhe tanken für unseren Sprung über das Plateau zurück an den weiter östlich liegenden Hang. Da wir nun auch noch gegen den Wind vor müssen, tanken wir mehr Höhe. Es beginnt schon wieder zu kribbeln als wir zum Überqueren der Anhöhe ansetzten. Es schießen mir schon wieder alle Eventualitäten durch den Kopf....was, wenn, wo, wie,..... Uppss..easy...

Erfreulicherweise stellen wir fest, dass es auch mit weniger Höhe gegangen wäre, da wir das starke "Abwärtslee" schlicht weg als erstes und höher durchfliegen, als auf dem Hinweg und damit das Fallen nicht besonders gravierend ausfällt. Auch der Weg an Driburg vorbei gestaltet sich einfacher - nicht leicht, aber einfacher als zuvor. Ingo und ich fliegen etwas unterschiedliche Wege, um den besten Weg zu ermitteln.

Wir sind wieder an der Sichel angekommen. Das GPS sagt inzwischen Wind mit 60-70 km/h. Die Bäume an der Egge beginnen sich deutlich hin und her zu biegen. Das Steigen am Hang ist hervorragend. Unter Hangkante fräsen wir mit 230 den Hang hinab. Die Kilometer flitzen nur so dahin.

Allerdings werden auch die Anschallgurte enger gezogen. Die Böen haben deutlich zugenommen. Wir fliegen die Sichel mehrfach im Hi-Speed auf und ab. Inzwischen haben uns auch Wanderer entdeckt und schauen uns von den teilweise aus dem Wald rausragenden Klippen zu.

Dem Tempo-Rausch trotzend machen wir uns wieder auf den Weg nach Süden.... Bad Driburg macht immer noch ein mulmiges Gefühl, erneut starkes Fallen vorher, aber dennoch finden wir wieder den Weg ins Steigen. Inzwischen ist eine dicke Bewölkung aus Osten aufgezogen. Die Sichten werden schlecht. Es sieht nach Regen aus, obwohl keiner gemeldet war. Die Sonne strahlt nicht mehr ein und es wird kalt. Das GPS sagt nur noch 3-4° im Cockpit. Uns gelingt wieder der Sprung übers Plateau. Der Wind bläst immer noch stark. Stippvisite in 150m am Haus von unserem Fliegerkameraden Wolfgang Kreiß in Neuenherse. Keiner im Garten... naja... bei den Temperaturen kein Wunder. Diesmal ein Wettrennen mit einem Güterzug.... ich würde sagen "Techn. K.O. für den Güterzug schon in der 1. Runde"... jüüppie.. Ende der Egge erreicht, es geht wieder nach Norden. Inzwischen kennen wir die tragenden Stellen an der Egge. Wir springen wieder. Driburg passiert. Sichel abgeflogen..... Tja was nun, wir entschließen uns am Velmerstot vorbei weiter nach Norden zum Hermanns Denkmal zu fliegen. Wir fliegen den ersten Hang an. Kein Steigen. Zweiter Hang, kein Steigen.... was ist los? Wir checken das GPS, wir checken die Rauchfahnen der einzelnen Fabrikschornsteine. Die Fahnen stehen immer noch schräg. Allerdings wehen sie nicht mehr in die gleiche Richtung wie zuvor. Der Wind hat gedreht... er bläst jetzt aus etwas mehr Süd-Ost. Die Hänge zum Hermann hin haben fast Nordwest Ausrichtung, d.h. der Wind bläst parallel zum Hang. Wir machen kehrt und versuchen wieder an den Velmerstot zu kommen. Mir gelingt es leicht, da ich noch höher und näher dran war. Ingo muß kämpfen. Kommt deutlich tief am Velmerstot an, schafft es aber noch in die tragende Schicht. Zuerst 0,5 dann 0,75 und dann geschafft... Ausschläge wieder bis 3-4m/s.

Die Sichel trägt immer noch gut obwohl der Wind ein wenig gedreht hat. Wir versuchen noch mal nach Willebadessen zu kommen.... Kilometer sammeln. Ein riesiger Schwarm Wildgänse (oder sowas) fliegt über uns, ebenfalls den Hang ausnutzend (leider nicht auf dem Foto zu erkennen). Wir entdecken auch immer wieder mal einen Bussard der im Hangwind parkt. Wir fliegen weiter gen Süden. Inzwischen hat sich Dirk Prior mit der KNIV dazugesellt und versucht ebenfalls mit gedrosseltem Motorlauf die Hänge zu schruppen. Wir bekommen zusehends mehr Probleme. Die Kälte belastet, aber auch das Steigen wird schwächer. Wir erreichen wieder den Süden und überlegen, wie wir wieder nach Hause kommen. Es sind immerhin 20km die vom Hang bis zum Haxterberg zurück gelegt werden wollen. Wir kalkulieren mehrere Möglichkeiten durch.

Willebadessen über den kleinen Schwaneyer Hang?.... Wir denken, das der kleine Hang uns nicht tragen wird beziehungsweise nicht hoch genug trägt. Wir beschließen wieder die 40km am Hang zum Velmerstot zu fliegen und von dort nach Hause zu kommen, da wir dort heute die besten Steigwerte angetroffen haben. Da wir in Willebadessen nicht mehr ganz so hoch kommen, müssen wir den Sprung über das Plateau tief starten. Ingo und ich wählen etwas unterschiedliche Wege, wir sinken trotzdem gleich stark... es wird eng.... Außenlandefelder sind in der Nähe.... also fliegen wir weiter... das Sinken wird geringer..... Nullschieber..... es wird knapp.... geschafft.

Die zerklüfteten Hänge bei Bad Driburg tragen erstaunlicherweise noch ganz gut. Wir sind wieder an der Sichel angekommen. Jetzt heißt es Fliegen mit geringstem Sinken und Höhe tanken, Höhe tanken, Höhe tanken. Während wir darum kämpfen nach oben zu kommen, stößt auch noch unsere ASK21 mit Robert Wottawa und Julian Hilbig dazu. Wir überlegen uns hier das Maximum raus zu holen und dann die Sichel wieder nach Altenbeken runterzufliegen und von dort die Hänge des Beke-Tals nach Neuenbeken abzufliegen und von dort zum Platz zu gleiten oder kurz davor notfalls zu ackern. Soweit zur Theorie.

Die beiden LS4en kämpfen sich in über 30Min. cm für cm nach oben, während es die 21 immer weiter nach unten trägt. Höher als 550m schaffen wir nicht. Hier halten wir uns ne Weile, in der Hoffnung, doch noch höher zu kommen, da uns die Höhe doch zu gering erscheint, da wir ja noch durch das Lee der Egge müssen.... vergeblich, mehr Höhe ist nicht drin. Was nun...? Ein Zeichen des Herrn sollte uns nach Hause führen. Die Wolkendecke riß auf und die Sonne schien genau auf den Hang des Beke-Tals. (Hört sich zwar unglaublich an, aber schaut selbst... links der Egge Kamm, rechts der angestrahlte Hang des Beke-Tals). Wir flogen also die Sichel nach Süden und sprangen kurz vor Altenbeken über die Egge. Das Lee war wider Erwarten nur sehr kurz. Am Hang des Beke-Tals angekommen, bemerkten wir, daß der Wind fast auf dem Hang stand. Wir konnten den also bis Neuenbeken ohne Höhenverlust abfliegen. Über Benhausen hatten wir dann noch eine Höhe von 350m über Haxterberg.... sollte reichen.... und tat es auch. Nach gut 3 ein halb Stunden Flugzeit und über 200km in Höhen von 20-250m GND setzen wir voll zufrieden wieder am Haxterberg auf. Naja, ein kleines Manko hatte der Tag schon noch. Die ASK21 ist in der Nähe der Egge geackert und wurde abends wieder geholt. Dabei entstand auch ein schönes Bild. Abrüsten des Flugzeuges bei einem roten Mond, der gerade über der Egge aufgeht.

Ein Tag den ich nicht vergessen werde.


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letzte Änderung: 20.10.2005 | 19:22